Lange Zeit war die Fassade verhängt – nun wird langsam offensichtlich, dass in die Alte Oberpostdirektion am Stephansplatz bald neues Leben einziehen wird. Die Sanierungsarbeiten am so genannten Ostbau des großen Komplexes gehen auf die Zielgerade, noch vor Weihnachten sollen die ersten Mieter einziehen. Wir haben mit Projektleiter Ulrich Schütte auf der Baustelle des Millionenprojekts, an dem auch Bruns & Möllendorff beteiligt ist, einen Rundgang unternommen.

Hier ein Überblick über die in Richtung Dammtorbahnhof weisende Fassade. Die aktuellen Arbeiten betreffen den Ostbau, der etwas niedrigere Mittelbau wird anschließend in Angriff genommen.
Eine Steinsäge kreischt. Hier, an der Alten Oberpostdirektion an der Ecke Dammtorstraße-/Gorch-Fock-Wall, ist immer noch ein Teil des Bürgersteigs abgesperrt. Gerade werden die letzten Gehweg-Platten zurechtgeschnitten. Durch die – untertrieben ausgedrückt repräsrentativen Türen des Gebäudes eilen ab und zu Arbeiter in Bauklamotten, die Maschinen hin- und hertragen oder nur kurz telefonieren. Die Fassade hat einen großen Teil ihrer Hüllen verloren; hier und da ist noch zu sehen, wo Sandsteine ausgebessert oder ersetzt wurden. Wir sind mit Projektleiter Ulrich Schütte verabredet, der für die Sanierung der Alten Oberpostdirektion verantwortlich ist.

Langsam fallen die Hüllen. Das historische Postgebäude paßt gut an den Eingang der Dammtorstraße, die selbst gerade eine große Baustelle ist.
Die Post wird nicht hierher zurückkehren – sie hat ihre Hauptverwaltung längst anderswo. Aber einer der Hauptmieter vor der aktuellen Sanierung, eine große Hautarztpraxis mit über 31 Ärzten, wird zurückkommen und auf einer vergrößerten Fläche einziehen. Auch eine spezialisierte Diagnosepraxis mit modernster CT- und MRT-Technik richtet sich ein. “Ein Gesundheitshaus”, sagt Schütte – dazu kommt eine Apotheke und ein erster Flagship-Store eines Hautspezialisten, ein spezielles Restaurant wird ebenfalls einziehen. Die ersten Mieter kommen Mitte Dezember, dann folgen sukzessiv weitere, neue Bewohner.
Das einstige Postgebäude hat viele, hoch interessante Details zu entdecken. Das beginnt schon mit der Decke an der Eingangstreppe: Aufwändigste Kassetten kamen unter schlichtem Gipskarton hervor. Die einstige Schalterhalle schließt sich an: Von ihren Proportionen sei “nichts mehr übrig” gewesen, erinnert sich Schütte, “wir haben sie ihr zurückgegeben. Gerade wird indischer Sandstein verlegt – sorgfältig verteilen Arbeiter den Mörtel, in den sie jeden einzelnen Stein einbetten. Maler sind dabei, die in Eiche gefassten Rundbögen zu beizen. Ulrich Schütte hat seine Augen überall – der frisch verlegte Sandsteinboden müsse auf jeden Fall vor der Beize geschützt werden, sagte er.

Die frühere Schalterhalle der Post wird mit indischem Sandstein gepflastert. Weiter zurückliegende Teile bekommen Parkett.
Die frühere Oberpostdirektion steht unter Denkmalschutz. Schütte skizziert Absprachen: Die zwei Innenhöfe des Gebäudes seien durch zusätzliche Räume unterkellert worden. Das Haus, fährt Schütte fort, sei der erste Altbau in Deutschland, der ein LEED-Zertifikat erhalte. Nach Angaben der Website Baunetzwissen handelt es sich beim Leadership in Energy and Environmental Design um das Us-amerikanische System zur Klassifizierung nachhaltiger Gebäude – Schütte freut sich über eine Goldmedaille. Allerdings vermerkt er nich ohne Ironie, dass ein Gesetz von 1924 ein Hindernis dafür gewesen sei, Borpfähle für die Geothermie-gesteuerte Beheizung tiefer als 130 Meter in den Boden zu treiben – “99 Prozent hätten wir schaffen können”, sagt Schütte, so sind es nur 60 Prozent.

Den Fassadenschmuck darf man schon aufwändig nennen.
Die Arbeiten an dem repräsentativen Postpalast hatten immer wieder Überraschungen zu bieten. 125 Jahre, schimpft Schütte, sei das Gebäude gequält worden. In den Pfeilern entdeckten die Bauleute Hohlräume von 20 Zentimetern Durchmesser, für die es laut Schütte keine vernünftige Erklärung gibt. Weil das Haus um ein weiteres, neues Stockwerk ergänzt wurde und das höhere Gewicht abzufangen war, wurden die Löcher verfüllt. “Die Lady tritt dauernd nach”, scherzt Schütte über die ‘Reaktionen’ des Gebäudes.
Die historischen Treppenhäuser (zwei neue kamen hinzu) sind ebenfalls ein schöner Raum für Entdeckungen. Schöne Fliesen an Wänden und an Böden hier, mühsam freigelegter Granit und an die Geschichte angelehnter Stuck dort. In den Räumlichkeiten des Hautkrankheitsspezialisten findet sich der frühere Bismarck-Saal: Ein Streifen der historischen Bemalung, die man ausgesprochen üppig und detailreich nennen darf, wurde freigelegt, ansonsten bleibt der Raum weiß (wodurch er heller wirkt). “Das war eine dunkle Bude”, sagt Schütte über den historischen Charakter des Hauses.
Auch im ersten Stock, wo im jetzt überdachten Innenhof eine schöne Balustrade ringsum den Blick auf die Schalterhalle öffnet, gibt es kleine Details, wie einen gemalten Baldachin in einem der Rundbögen. Es scheint, als hätte die starke Zweckorientierung zurückliegender Jahrzehnte nicht allzu viel Freude an solchen Bauschönheiten zugelassen.
Der Sandstein der Fassade ist von Bruns & Möllendorff mit einem speziellen, australischen Korn gestrahlt worden – zusätzlich wurde so genannte Airbrush-Technik eingesetzt. Es gebe eine Verständigung mit dem Denkmalschutz, dass der Sandstein ungestrichen bleibe. Der schöne Klinker im zweiten Innenhof ist außerdem gereinigt worden. Wir steigen bis in die höchste Etage unter einem lichtdurchfluteten Glasdach hinauf – entfernt erinnert die Atmosphäre an die Berliner Reichstagskuppel. Der Charakter, sagt Schütte, werde sich noch verändern – weil Zwischenwände eingezogen werden.

Nur ein Ausschnitt von einem der repräsentativen Eingänge.
Eins macht der Rundgang mit Ulrich Schütte jedenfalls klar: Hier arbeiten Leute, die etwas davon wissen, was sie für ein Gebäude vor sich haben. Auf eine sinnvolle Weise werden Geschichte und neue Entwicklungen miteinander verknüpft. Als nächstes soll der so genannte Mittelbau in Angriff genommen werden.
Bruns-und-Möllendorff-Spezialist Michael Leissner sagt, die teilweise noch laufenden Arbeiten an der Außenfassade umfassten das klassische Programm: Wirbelstrahlen, Erneuern von Vierungen u.a.Der Sandstein war stark in Mitleidenschaft gezogen, aber “wenig kaputtsaniert”. Im Inneren seien die historischen Steine wieder hergestellt worden – also etwa Marmor in einem der Eingänge an den Wänden.
Bedeutendes Gebäude mit Geschichte
Das Gebäude der Alten Oberpostdirektion ist ein wichtiges Zeugnis Hamburger Architekturgeschichte. Postchef Heinrich von Stephan entschied bereits kurz nach der Reichsgründung 1871, in Hamburg neu zu bauen. Zunächst fehlte es an einem geeigneten Grundstück, dann ging eine Fläche, die die Stadt gekauft hatte, in den Besitz der Post über. Die Stadt forderte, im “Villenstile” zu bauen, die Post wünschte ein monumentales Haus, Architekt Julius Raschdorf hatte bereits Erfahrung und plante eine der größten derartigen Bauten des 19. Jahrhunderts.
Erstmals wurde 1898-1901 in Richtung Westen erweitert, 1918-29 wurde der Mittelbau völlig verändert, weil sich das Transportwesen komplett gewandet hatte. Nach dem Krieg wurde immer wieder umgebaut und modernisiert. Im Jahr 1966 wird die Postgeschichtliche Sammlung wieder eröffnet, im Jahr 1999 das Museum für Kommunikation. Die letzte Postfiliale zog 2000 aus, der Ost- und Mittelbau ging 2007 an die DWI. (Quelle: Projektbeschreibung DWI)